Gromit beim Anbiss in den Schutzdienstärmel

Als ich meinen ersten Airedale-Terrier Kalle (Lulu’s August) bekam, trainierte ich mit ihm auf einem SV-Übungsplatz für die Begleithundeprüfung, um an Agility -Wettkämpfen teilnehmen zu können. Viele Hundesportler übten mit ihren Schäferhunden für eine IPO (heute genannt IGP)-Prüfung, zu der die drei Abteilungen Fährte , Unterordnung und Schutzdienst gehören. Gerne habe ich ihnen zugesehen, doch war für mich ganz klar: “Schutzdienst werde ich mit meinem Hund nie machen!. Ich hatte die üblichen Vorbehalte: ‘Da werden Hunde auf Menschen gehetzt und scharf gemacht”. 

Dann sah ich, wie der Schutzdienstfigurant auf deren lautstarkes Verlangen seine beiden behinderten Kinder in ihren Rollstühlen zum Schutzdienst auf den Platz schob. Die Kleinen hatten ein großes Vergnügen beim Zusehen, und ihr Vater hatte so offensichtlich gar keine Bedenken, dass seinen geliebten Kindern irgendetwas passieren könnte, dass ich meine vorgefasste Meinung nochmal überdachte.  

Also habe ich mich näher mit Theorie und Praxis des Schutzdienstes befasst und erkannt, dass die verbreiteten Vorbehalte vor diesem Sport unberechtigt sind. Klar, Schutzdienst kann man nicht mit jedem Hund auf hohem Niveau machen. Mein Kalle war jedenfalls nicht geeignet. Man braucht einen Hund, der selbstsicher ist und in sich ruht, der klar im Kopf ist und gerne mit seinem Menschen zusammen arbeitet, der daran Freude hat, mit dem Helfer zu wettstreiten und dem es Spaß macht, Belastungen durchzustehen. Kurz gesagt, einen Hund, der jeden Wesenstest mit Bravour besteht. Solch ein Airedale war mein Ruddi (Arno von Thekla). Er suchte gerne und intensiv seine Trittfährten ab und lief eine freudige Unterordnung. Aber sein Herz hing am Schutzdiensttraining. Hier zeigte er eine besondere Ernsthaftigkeit, brachte den erbeuteten Schutzdienstärmel zum Auto, um danach mit dem Helfer zu schmusen. 

Warum wird der Schutzdienst oft als die Königsdisziplin angesehen? Nun, weil sie von den drei Abteilungen die schwierigste ist, sowohl für den Hund als auch für den Hundeführer. Beim Fährten geht es recht gemächlich zu. Der Hund ist dem Menschen total überlegen. Nur er weiß, wo der Fährtengeruch ist. Wir bringen ihm nur bei, wie er suchen soll, d.h. mit tiefer Nase die einzelnen Schritte absuchen, die ausgelegten Gegenstände verweisen, konzentriert mit gleichbleibender Geschwindigkeit arbeiten. Oft sind die menschlichen Korrekturen gar nicht angebracht, man sollte sich lieber auf die Hundenase verlassen. Bei der Unterordnung verlangen wir verschiedene Gehorsamsübungen wie Sitz, Platz, Steh, Apport und Fußgehen von unserem Hund, die er freudig und korrekt auf unsere Kommandos ausführen soll. Der Schutzdienst aber kann nur auf hohem Niveau gelingen, wenn der Hund sowohl gehorsam ist als auch selbstständig bestimmte Übungsteile ohne Anweisung ausführt, sich dabei aber an festgelegte Regeln hält.  

Zur Verdeutlichung gehe ich einmal eine IGP3 gedanklich durch. Der Hund kommt mit seinem Menschen auf den Platz und weiß natürlich ganz genau, wo der Figurant (Helfer) mit dem Schutzdienstärmel steht. Er würde gern auf kürzestem Weg dort hinlaufen, muss aber den Kommandos seines Hundeführers folgend erst einmal 5 Zeltverstecke direkt anlaufen und eng umrunden, bis er beim Verbellversteck ankommt. Nun würde er gern in den Schutzdienstarm beißen, darf dies aber nicht, da sich der Helfer nicht bewegt. Stattdessen muss er den Helfer verbellen, bis sein Hundeführer kommt und ihn zu sich ruft. Man stelle sich vor, wie schwierig das ist. Der Hund hat sein Triebziel, den Ärmel, praktisch vor seiner Schnauze, sein Mensch ist noch weit weg und trotzdem muss er sich an die Regel halten, dass er nicht in den Ärmel beißen darf, wenn der Helfer sich nicht rührt. Nun wird der Helfer aus dem Versteck gerufen, und der bei Fuß gehende Hund folgt ihm auf seine Position. Der Hundeführer entfernt sich, der Hund, der vor Spannung kaum liegen bleiben kann, bleibt im Platz, bis der Helfer schnell wegrennt und der Hundeführer das Kommando zum Nachlaufen und Packen des Armels gibt. Endlich darf der Hund sich den Ärmel schnappen, aber nach kurzer Zeit bleibt der Helfer unbeweglich stehen. Nun tritt die oben genannte Regel wieder in Kraft. Der Hund muss den Arm loslassen (der Hundeführer darf ein Kommando geben) und den Helfer bewachen. Dann wird der Helfer wieder aktiv und greift den Hund an. Dieser muss ohne Kommando sofort und drangvoll den Ärmel mit einem vollen, ruhigen Griff fassen und sich vom Helfer zur Seite treiben lassen. Der Helfer versetzt ihm dabei mit dem Softstock zwei Schläge, die der Hund unbeeindruckt hinnehmen muss. Natürlich fällt ihm jetzt das Ausmachen, wenn der Helfer ruhig steht, besonders schwer, aber siehe die genannte Regel. Nun muss er den Helfer wieder bewachen ohne sich von seinem herantretenden Hundeführer beeinflussen zu lassen. Der Hundeführer schickt den Helfer weg und folgt ihm mit dem am Fuß gehenden Hund im Abstand von 8 Schritten (Rückentransport). Klar, dass der Hund seiner sich entfernenden Beute hinterher laufen will, aber er muss solange warten, bis sich der Helfer umdreht und angreift. Dann muss er selbstständig in den Ärmel springen, beim Einstellen wieder auslassen und bewachen. Nun gehen Helfer, Hund und Hundeführer zum Leistungsrichter (Seitentransport) und der erste Teil der Prüfung ist beendet. Obwohl sich der Helfer entfernt, muss der Hund bei Fuß mit seinem Hundeführer an das andere Ende des Platzes gehen, obwohl er genau weiß, dass jetzt seine Lieblingsübung kommt. Ein anderer Helfer kommt auf das Team mit Vertreibungslauten zugelaufen, der Hund wird losgelassen, rennt so schnell er kann und ohne abzubremsen dem Helfer entgegen und packt den Ärmel. Um die hohe Geschwindigkeit abzufangen dreht sich der Helfer um seine Achse und setzt den Hund ab. Nun kommt wieder die genannte Regel ins Spiel, der Hund lässt aus und bewacht. Dann greift der Helfer den Hund ein letztes Mal an, der Hund fasst den Ärmel und wird zur Seite getrieben. Dies ist eine ganz schwierige Situation. Der Hundeführer ist weit weg, und der Hund weiß, dass der geliebte Schutzdienst nun fast zu Ende ist. Dennoch muss er wieder auf Kommando aus machen und so lange bewachen bis sein Hundeführer die lange Strecke bis zu ihm hinter sich gebracht hat. Alle drei gehen zum Leistungsrichter und melden den Schutzdienst als beendet. Doch immer noch muss der Hund gehorchen. Er muss bei Fuß mit seinem Hundeführer weg gehen und wird erst dann angeleint. Hunde sind schlau. Obwohl sie beim Training nun oft noch einmal den Ärmel bekommen, wissen sie genau, dass das bei einer Prüfung nicht der Fall ist und sie ohne Beute vom Platz gehen. Viele Hunde, die bis hierhin alles gut gemacht haben, werden nun disqualifiziert, weil sie sich den Ärmel packen und nicht mehr loslassen wollen.

Hund umläuft die Zeltverstecke (Revieren nach dem Helfer)
Hund verbellt den Helfer
Hund verhindert den Fluchtversuch des Helfer und wehrt seinen Angriff ab
Hund wehrt den Angriff des Helfers nach dem Rückentransport ab
Hund bewacht den Helfer
Hundeführer und Hund bringen den Helfer zum Leistungsrichter (Seitentransport)
Hund geht am Fuß des Hundeführers zum Ausgangspunkt für den Angriff aus der Bewegung
Hund rennt zum zweiten Helfer, der ihm entgegen gelaufen kommt, und springt in den Arm
Hund lässt den Arm aus, der Helfer greift den Hund an und treibt ihn zur Seite
Besprechung 

Das Gesagte zeigt deutlich, wie eng ein Hundeführer und sein Hund harmonisieren müssen, um Schutzdienst auf hohem Niveau zeigen zu können. Es ist sehr schwierig, die Balance zwischen Gehorsam und Selbstständigkeit zu finden. Ist der Hund zu sehr im Gehorsam, kann es sein, dass er sich nicht recht traut, sich mit dem Helfer auseinanderzusetzen. Ist er zu selbstständig, gelingen die Gehorsamsteile nicht und der Hund lässt den Schutzdienstarm nicht mehr los. Im Training muss beides geübt werden, die Kunst besteht darin, für jedes Team die richtige Balance zu finden.

Die oben genannte Befürchtung, ein Hund könnte durch Schutzdienst bissig werden, ist also völlig unbegründet. Alle Beißaktionen des Hundes sind ausschließlich auf den Schutzdienstärmel gerichtet, danach können Hund und Figurant ohne Einschränkungen miteinander spielen. Im Gegenteil, ein so ausgebildeter Hund stellt keine Gefahr für andere Menschen dar, denn er darf sich ausleben, muss sich aber immer an Regeln halten.

Mit meinen beiden von Ruddi abstammenden Airedalerüden Pelle und U.Gromit vom Roten Milan kann ich ohne Bedenken in größtem Trubel alles machen. Kürzlich begleiteten sie mich zu einem Chorwochenende, wo sie trotz mancher schiefen Töne gelassen und entspannt in einer Ecke lagen. Aber auf dem Hundeplatz zeigen sie ihren Enthusiasmus für den Schutzhundesport.

Brigitte Stevens